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Wir haben getan, was wir konnten, dachte er. Und doch war es ein Fehler. In Wahrheit hatten wir niemals ein echte Chance. (Seite 622)

 

Cover: Welt in FlammenZum Inhalt

Als am Abend des 25. Mai 1940 der Simplon-Orient-Express zu seiner letzten Fahrt aufbricht, befindet sich eine illustre Gesellschaft an Bord des Zuges, darunter ein König, der aus dem Exil zurück in sein Land will, seine jüdische Geliebte, ein deutscher Agent, ein russischer Großfürst mit seiner Familie, ein amerikanischer Ölmilliardär auf Hochzeitsreise. Fast jeder der Passagiere hat sein Geheimnis und seinen ganz eigenen Grund, diese Reise anzutreten, bevor die Deutschen Paris einnehmen. Aber nur wenig ist, wie es scheint, und bald sind Agenten aus mehreren kriegführenden Ländern im Zug zugange. Je weiter der Zug nach Osten kommt, je mehr bricht die Welt rundherum unter den Kriegseinwirkungen zusammen. Bald muß man feststellen, daß auch in einem Luxuszug Lebensgefahr bestehen kann.  

 

 

Kommentar / Meine Meinung

Alles was ist - endet. Mit diesen Worten warnt Erda im „Rheingold“ Wotan vor dem Ring. An einer Stelle im Buch, ziemlich weit hinten, kam mir dieser Warnruf unwillkürlich in den Sinn. Je mehr ich darüber nachdenke, je zutreffender scheint mir dies eine Charakterisierung dessen zu sein, was in diesem Buch geschieht, auf der direkten handlungsmäßigen Ebene wie auch der übertragenen symbolischen.

Mit dem Zug, der Paris im Mai 1940 zu Beginn des Buches verläßt, endet kriegsbedingt der traditionelle Zuglauf des Orient Expreß. Je weiter er auf seiner Fahrt nach Osten kommt, je mehr bricht hinter ihm die Weltenordnung, wie sie bis dahin galt, zusammen. Und im Zug Menschen aus verschiedenen, miteinander kriegführenden Ländern auf engstem Raum vereint mit nur wenig Möglichkeiten, sich ausweichen zu können. Ein letztes zivilisiertes Zusammentreffen, bevor der Wahn endgültig sich Geltung verschafft und in Gasschwaden und Bombenhagel die Dämmerung des alten Europa in die Agonie übergeht.

Und mitten in diesem Tumult der Simplon Orient Expreß.

Was mich an dem Buch gereizt hat, war zum Einen der „Hauptdarsteller“ Orient Expreß, zum anderen die Vermischung von Fakt und Fiktion. Denn eingebettet in die historischen Ereignisse beschreibt das Buch eine Zugfahrt, wie sie stattgefunden haben könnte, aber so niemals wirklich stattgefunden hat. Und gerade das ergibt ein Faszinosum, welches einen Lesesog erzeugte, der die Seiten nur so dahinrauschen ließ, ich ständig das Gefühl hatte, tatsächlich im Zug dabei zu sein und ans Ziel zu reisen, keinesfalls in einem der heutigen ICE zu rasen.

Der Roman ist eine Mischung verschiedener Genres, der sich in keine Schublade legen läßt. Abenteuer, Agenten, etwas Gefühl, Historie, Fiktion - all das geht eine vollkommene Symbiose ein, so daß ich mich immer wieder daran erinnern mußte, daß das eben genau das ist: ein Roman und kein historisches Sachbuch. Und da die Eisenbahn, Vorbild wie Modell, seit Jahrzehnten ein Steckenpferd von mir ist, sind mir ein paar Ungereimtheiten aufgefallen, die aber Kleinigkeiten sind und auf die Handlung keinen Einfluß haben. Und alles sollte man in einem Roman sowieso nicht auf die technische Machbarkeit hinterfragen. Sonst würden die meisten Bücher und vor allem Filme nicht funktionieren.

An Bord des Zuges eine illustre Mischung von Fahrgästen, von denen viele nicht sind, was sie zu sein scheinen. Während sich ihre Völker an der Front bekriegen, sind Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Amerikaner und manch andere hier auf engem Raum mehr oder weniger friedlich vereint und müssen irgendwie miteinander auskommen. Am eindrucksvollsten empfand ich dabei das, was eigentlich nicht Thema des Buches ist und nur in Randbemerkungen vorkommt. Eva ist Jüdin und aus Paris geflohen, kurz bevor es von den Deutschen besetzt wurde. Um im Zug durch die Umstände mit jemandem zusammen reisen zu müssen, der möglicherweise ein Nazi ist. Die Ungewißheit - und für uns heutige schreckliche Gewißheit - was mit ihren Eltern ist, die Angst, niemandem trauen zu dürfen, die Gewißheit, praktisch nirgendwo mehr Sicherheit zu finden. In keinem anderen Buch ist das für mich bisher dermaßen greif- und nachvollziehbar geworden wie hier an der Figur der Eva.

Und immer wieder taucht dieses „was wäre wenn“ auf. Wie wäre die Geschichte verlaufen, hätte es diese Zugfahrt mit diesen Fahrgästen gegeben, hätte Ludvigs Mission Erfolg gehabt ... Es ist müßig, darüber nachzusinnen. Die Geschichte verlief, wie sie eben verlief.

„Was zur Hölle geht in diesem Zug eigentlich vor?“, fragt sich der Amerikaner Richard auf Seite 200. Eine Frage, die sich auch der Leser immer wieder stellt, denn - wie erwähnt - wenig ist wie es scheint, und manches ist ganz anders, wie es aussieht. Hierdurch bliebt die Handlung des Buches bis kurz vor Ende unvorhersehbar (abgesehen von den historischen Entwicklungen natürlich) und man erlebt so manche Überraschung - im positiven wie auch im negativen Sinne. Nur eines bleib das ganze Buch hindurch konstant und verstärkt sich eher noch. Diese letzten Fahrt des Simplon Orient Expreß läutet unwiderruflich das Ende des Europa ein, das die Welt bis dahin gekannt hat. Je weiter der Zug seinem Ziel entgegenrollt, je mehr bricht die umgebende Welt zusammen. Und wenn der Zug am Ziel eintrifft - sollte er das je erreichen - liegt buchstäblich alles in Trümmern.

Das Europa, das Sie hinter sich gelassen haben, existiert nicht mehr und wird sich nie wieder erheben. (Seite 757)
Alles was ist - endet. So ertönte einst der Ruf der Erda. Am Ende der "Götterdämmerung" erklingt aus dem Orchestergraben ein Liebesmotiv, das neue Hoffnung spenden soll. Ob man am Ende dieses überaus lesenswerten Buches, am Ziel dieser Zugfahrt, ebenfalls ein solches Motiv erkennen kann, mag jeder für sich selbst entscheiden.  

 

Kurzfassung

Eine überaus beeindruckende Zugfahrt, wie sie hätte stattfinden und vielleicht die Geschichte verändern können.  

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Bibliographische Angaben

776 Seiten, Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag, Landkarte im Vorsatz, Grundrißzeichnung der Wagen.
Verlag: Wunderlich Verlag, (Rowohlt), Reinbek 2014  

Ursprünglich geschrieben am 14. Dezember 2014