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Wer kann dem Tode entrinnen? Wer kann das Ende eines Menschenwegs vorausahnen? (2, Seite 103)

 

Cover: Der stille DonZum Inhalt

Grigori Pantelejewitsch Melechow ist der "Held" dieses Epos, um sein Leben rankt sich die Erzählung. Aber ist er überhaupt ein Held, kann es in einer Zeit von Krieg und Revolution, in der bald jeder gegen jeden kämpft, sich die Fronten fast täglich ändern, überhaupt einen „Helden“ im klassischen Sinne geben?
Grigori, der ein Verhältnis mit der verheirateten Nachbarin Axinja beginnt und später Natalja heiratet, hätte vielleicht das Zeug zu einem Helden gehabt, wären die Umstände andere gewesen. Aber so kommt der Erste Weltkrieg, der alles andere als heldenhaft geführt wurde und nahtlos daran die Russische Revolution mit dem Aufstand der Don Kosaken, in deren Armee er weiterhin dient.
Währenddessen muß zuhause auf dem Gehöft das Leben weitergehen, trotz Kämpfen, Einquartierungen und Requirierung.
Schließlich fegen die Revolution, Bruderkrieg und Gegenrevolution über das Land und seine Menschen hinweg, und am Ende wird nichts mehr sein, wie es einmal gewesen ist. Der Sturm hat alles mit fortgenommen. Doch bis dahin ist es ein langer, schmerzhafter Weg.

 

Kommentar / Meine Meinung

Seltsame Zeiten sind gekommen. (Band 2, Seite 488) Und seltsam ist es, ein so in vieler Hinsicht gewaltiges Werk in einer kurzen Buchvorstellung besprechen zu sollen. Da mir nicht die Sprachgewalt eines Scholochow zur Verfügung steht, kann es nur beim Versuch bleiben.

Zumal bei Lesebeginn alles klar schien. Scholochow war ein linientreuer Kommunist, also ist das Buch vor allem eine gewaltige pro-sowjetische Propaganda. Dachte ich. Falsch gedacht.

Sicher gibt es eindeutig gefärbte Stellen, aber die halten sich nach meinem Dafürhalten sehr in Grenzen. Und zwar mehr, als ich einem sowjetischen Schriftsteller zugestanden hätte. Ich habe immer wieder mehr oder weniger mit der Lupe nach solchen Stellen gesucht und relativ wenige gefunden. Und selbst die paßten meist und waren in sich schlüssig. Wenn ein „Roter“ spricht, kann er nun mal nur „rot“ sprechen.

Ein Großteil des Buches ist aus Sicht der Kosaken geschrieben, deren Untergang als Folge der Russischen Revolution ja Thema des Buches ist. Zimperlich geht es also nicht zu im Buch; (zu) schwache Nerven sollte man nicht haben, denn was da an Grausamkeiten, Schmerz und Leid über den Leser hereinbricht, ist gewaltig. Mir fallen nur sehr wenige, in dieser Hinsicht vergleichbare, Bücher ein. Erträglich wird dieser Kriegshorror nur durch die unglaubliche Sprachgewalt Scholochows. Meine Güte, konnte der schreiben!

Besonders seine Naturschilderungen sind von einmaliger Schönheit. Aber Vorsicht - je schöner und reiner die Natur, je schlimmer das Ereignis, das in derselben stattfinden wird. Immer, wenn er eine Idylle entwirft, machte ich mich auf einen Schicksalsschlag gefaßt. Und wurde eigentlich nie enttäuscht, obwohl ich in der Hinsicht gerne das eine oder andere Mal enttäuscht worden wäre.

Es war erstaunlich, wie kurz und armselig dieses Leben war und wieviel Schweres und Trauriges es enthielt, an das sie nicht mehr denken wollte. (Band 2, S. 671) Ein Motiv, das immer wieder auftaucht. Und immer wieder heißt es Abschied nehmen, denn der Tod ist ein ständiger Begleiter in (Kriegs-)Zeiten, in Zeiten in denen der Mensch billig geworden ist. (nach Band 2, S. 646)

Scholochow hat mich in mehrfacher Hinsicht absolut überrascht. Da ist zum einen, ich erwähnte es, die weitgehende Ausgewogenheit der Darstellung. Rote wie Weiße kommen zu Wort, nur an wenigen Stellen kommt die Grundeinstellung des Autors durch. Das hatte ich so mit Sicherheit nicht erwartet. Die Erzählung der Geschehnisse jener Zeit aus Sicht der Kosaken sowie der sie bekämpfenden Roten ist eine völlig andere als (zumindest mir) bisher gewohnte und wirft ein ganz anderes Licht auf die Ereignisse jener Zeit, vor allem auch aus Sicht der betroffenen Unterlegenen. Denn wie die Sache ausging, ist aus den Geschichtsbüchern hinreichend bekannt.

Schließlich war nicht nicht auf die Sprachgewalt vorbereitet, mit der Scholochow seinen Roman erzählt. Aber die brauchte es auch, um all das Schlimme und Furchtbare ertragen zu können. Dabei taucht immer wieder der Gegensatz Mensch - Natur auf, wobei der Mensch meist nicht sehr gut abschneidet. Ein Beispiel sei zitiert: In der Steppe, deren grünes Meer bis unmittelbar vor den Garten geflutet war, im Gestrüpp des wilden Hanfs, neben den Zäunen der alten Tenne schmetterten Wachteln unermüdlich ihre Lieder, pfiffen Zieselmäuse, brummten Hummeln, raschelte, vom Winde gekost, das Gras; im aufsteigenden Dunst jubilierten Lerchen, und irgendwo weit, weit in der Ferne, in einer Talmulde, verkündete das beharrliche, boshafte, dumpfe Tacken eines Maschinengewehrs die Erhabenheit des Menschen in der Natur. (Band 2, Seite 427)

Die Figuren sind zum Leben erwacht, zu einem Leben, das ich nicht geführt haben möchte. Wer die ganzen Beschreibungen der Gerüche und hygienischen Zustände liest, weiß was ich meine. Dennoch bestand über weite Strecken des Buches - zum Glück - eine gewisse Distanz zu ihnen, war ich quasi unbeteiligter Beobachter des Geschehens. Inwieweit dieser Abstand vom Autor beabsichtigt war, weiß ich nicht; jedoch hätte ich eine Nähe zu den Protas über 1.500 Seiten bei all dem, was im Buch passiert, nicht durchgehalten. Ich persönlich empfand erst die letzten etwa dreihundert Seiten zunehmend, manchmal bis zur Schmerzgrenze, emotional. Insgesamt hat mich das Buch auf eine Weise gepackt und getroffen, die ich - nachdem ich gerade ausgelesen habe - selbst weder verstehe noch derzeit auch nur annähernd imstande bin auszudrücken.

Ein Buch, das alles hatte, um mir nicht zu gefallen - und das es auf Anhieb in die Topliste meiner Lieblingsbücher geschafft hat.

Ein Buch voll von Grausamkeit und Leid - und dennoch wunderschön.

Ein Buch eines linientreuen sowjetischen Schriftstellers - und dennoch (fast) durchgehend ausgewogen, fair und bar jeglicher Heroisierung der einen wie der anderen Seite.

Mit anderen Worten: ein großartiges Werk der Literatur. Das ist alles, was mir zu sagen geblieben ist.

 

Kurzfassung

Ein sprach- wie inhaltsgewaltiges Werk über den Untergang der Don Kosaken während der Russischen Revolution. Zurecht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und absolut lesenswert. Am besten mehrfach.

 

Über den Autor

Michail Alexandrowitsch Scholochow wurde am 24. Mai 1905 bei Wjoschenskaja (Dongebiet) geboren. 1918, im russischen Bürgerkrieg, schloß er sich den Revolutionären an, ab 1922 lebte er in Moskau. Er übte eine Reihe von Berufen aus und begann in dieser Zeit zu schreiben. „Der stille Don“ entstand in den Jahren 1928 - 1940. Scholochow tratg 1932 in die KPdSU ein, war ab 1936 Abgeordneter im Obersten Sowjet und seit 1937 Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Seit 1961 war er auch im ZK der KPdSU. Scholochow erhielt verschiedene Preise sowie den Leninorden; er gilt als linientreu. Für den Roman „Der stille Don“ erhielt er 1965 den Nobelpreis für Literatur.

 

Bibliographische Angaben meiner gelesenen Ausgabe

1. Band: Die Zarenzeit; Krieg und Revolution. Aus dem Russischen von Olga Halper; 662 Seiten
2. Band: Bruderkrieg der Donkosaken; In den Wirren der Gegenrevolution. Aus dem Russischen von E. Margolis und R. Czora; 816 Seiten
Ausgabe in 2 Bänden für die Deutsche Buchgemeinschaft und den Bertelsmann Club, oJ